Wer drei Tage lang Vorträge hört, Workshops besucht und abends auf einer Festung über Koblenz steht, könnte meinen, das sei ein gewöhnliches Branchenevent. Die Young Makler Workation ist das nicht. Was sie unterscheidet, merkt man spätestens dann, wenn ein Gespräch am Rande mehr bringt als jede Präsentation.
Mitte Juni trafen sich rund sechzig Maklerinnen und Makler, Gesellschaften und Dienstleister im CONTEL Koblenz zur zweiten Ausgabe des Formats. Drei Tage, ein Schwerpunktthema: Künstliche Intelligenz. Organisiert von Kai Schmied und Christian König, die das Young Makler Network vor vier Jahren mit rund fünfzehn Leuten gestartet haben und heute über dreihundert Mitglieder zählen. Trotz Parallelveranstaltungen war die Workation innerhalb weniger Wochen voll. Christian König erzählt das mit einer Mischung aus Stolz und ehrlicher Überraschung:
„Wir hätten das nie im Leben gedacht, dass daraus über dreihundert Menschen werden.“ - Christian König, iunto Finanzen
Wie das alles angefangen hat
Die Ursprungsgeschichte des Young Makler Network klingt fast zu zufällig, um wahr zu sein. Christian und Kai kannten sich 2022 nur aus Facebook-Gruppen, trafen sich nach dem Zukunftsmacher-Bootcamp zufällig auf dem Rückweg in Ulm und stellten beim gemeinsamen Frühstück fest: Sie haben dasselbe Problem.
Entweder gab es teure Fortbildungen, die sich Jungmaklerinnen und -makler kaum leisten konnten, oder IDD-Schulungen, die eigentlich nur Werbeveranstaltungen waren. In den Online-Gruppen herrschte oft eine Kultur, in der jüngere Maklerinnen und Makler schnell belehrt oder abgebügelt wurden, statt wirklich Gehör zu finden.
Ihre Antwort: eine eigene Community gründen. Nach einer erfolgreichen ersten Workation im Vorjahr ging man nun in die zweite Runde. Kai Schmied hat die Formel dafür:
„Niemand kann alles wissen. Aber zusammen können wir verdammt viel wissen.“ - Kai Schmied, Finanzteam26
Koblenz, Regen, Festung
Das Wetter hat nicht mitgespielt. Der erste Abend auf der Festung Ehrenbreitstein, mit Blick auf das Deutsche Eck und die Mündung von Mosel und Rhein, fand gefühlt bei Nordseefeeling statt. Macht nichts. Wer draußen friert, redet drinnen mehr. Und genau das war zu spüren: Gespräche, die nicht aufhörten, weil das Programm es vorgab, sondern weil die Leute schlicht noch nicht fertig waren.
Am zweiten Abend am Statt-Strand an der Mosel war das nicht anders. Versicherungsmaklerin für Unternehmer und Selbstständige Nadine Romming, die schon beim ersten Mal dabei war, bringt auf den Punkt, was sich in der Branche verändert hat: „Das Mindset, dass man Wissen teilt, statt alles alleine zu machen, hat sich verändert.“ Für sie ist das kein Selbstläufer, sondern etwas, das Formate wie dieses erst möglich machen.
KI: Alle nutzen es, aber wie?
Das offizielle Thema der Workation war Künstliche Intelligenz. Was ich beobachtet habe: Fast alle im Raum setzen KI schon irgendwie ein. Die wirklich interessante Frage war eine andere, nämlich wer es strategisch nutzt und wer noch in der Bewunderungsphase feststeckt.
Maximilian Buddecke von der Bayerischen, der einen Workshop zu KI und Geschäftsmodellentwicklung hielt, sagte das frei heraus: „Texte schreiben allein bringt’s nicht, Posts generieren bringt’s auch nicht.“ Sein Punkt war ein anderer: KI als Sparringspartner begreifen, das eigene Geschäftsmodell damit hinterfragen, Zielgruppen besser verstehen. Wer KI nur als Schreibassistenten benutzt, lässt das Potenzial weitgehend liegen.
Versicherungsmakler Lukas Degen ist da schon weiter. Für ihn ist KI fester Bestandteil des Alltags:
„Die Kunst ist, ein Tool in der Tiefe zu verstehen und bedienen zu lernen, und sich nicht wöchentlich mit neuen Tools zu beschäftigen.“ - Lukas Degen
Wer das nicht tue, so seine Einschätzung, werde es in fünf bis zehn Jahren schwer haben.
Versicherungsmakler Yunus Emre Cicek hat sich seinen eigenen Anwendungsfall gebaut: Er nutzt KI, um Angebote für seine türkischsprachige Community zu übersetzen und zu erklären. Kundinnen und Kunden, die auf Deutsch nicht sicher sind, bekommen von ihm Unterlagen, die sie wirklich verstehen. „So habe ich’s geschafft, dass Personen, die die deutsche Sprache nicht zu 100 Prozent beherrschen, bei mir ein sicheres Gefühl haben.“ Das ist kein Effizienz-Hack, das ist Beratungsqualität.
Christian Wimmer, Versicherungsmakler für Handwerkerinnen und Handwerker, fasst seinen Nutzen nüchtern zusammen: „Mein hauptsächlicher Nutzen ist Zeitersparnis, Effizienz und neue Ideen.“ Von der E-Mail bis zum Bedingungsvergleich, von der Beratungsdokumentation bis zur Zahlenauswertung.
Fabian Wesemann, Co-Founder von Afori, brachte in seinem Workshop eine Perspektive ein, die ich für besonders ehrlich hielt: „Die am schnellsten nutzbaren KI-Potenziale liegen im Backoffice. Erst wenn der Betrieb über KI vereinfacht wird und die Bestandsdaten sauber sind, kann Vertrieb wirklich skalieren.“
Substanz statt Oberfläche
Neben den KI-Workshops gab es Fachvorträge, die mehr waren als Produktpräsentationen. Marc Pirmin Gorr von PremiumCircle war mit Niels Sander vor Ort und brachte eine These mit, die im Raum hängen blieb: Gute PKV- und BU-Beratung beginnt bei den Bedingungen, nicht beim Beitrag oder Rating. „Nicht entscheidend ist, was ein Produktflyer verspricht. Entscheidend ist, was in den Bedingungen steht und ob Maklerinnen und Makler diese Leistungslogik sauber erklären können.“
Fabio Rausch, Finanz- & Versicherungsexperte für Ärztinnen und Ärzte, stellte die LKH-Tarife vor. Nicht als Gesellschaftsvertreter, sondern aus eigener Überzeugung. Das ist ein kleiner, aber nicht unwichtiger Unterschied, und einer, der zum Geist der Workation passt: Hier erklärt kein Außendienstler Maklerinnen und Maklern, warum ein Produkt gut ist. Hier erklärt ein Makler anderen Maklerinnen und Maklern, warum er es selbst einsetzt.
Markus Rickhoff von der LV1871 widmete seinen Slot einem Thema, das in der Beratung oft zu spät kommt: Schüler-BU. „Die BU wird in der Praxis häufig erst bei Auszubildenden, Studenten oder Berufseinsteigern thematisiert. Dabei besteht bereits ab dem sechsten Lebensjahr die Möglichkeit, den Gesundheitszustand eines Kindes langfristig abzusichern.“ Für Maklerinnen und Makler liegt darin eine Chance, die über das Produkt hinausgeht: „Die Schüler-BU ist nicht nur ein Produkt für Kinder, sondern häufig der Einstieg in eine lebensbegleitende Beratung.“
Annemarie Lisa Huber, Abteilungsleiterin Zielgruppenmanagement bei der VKB, brachte noch einen anderen Aspekt ein: „Die bKV bietet Maklern die Möglichkeit, ihren Kunden einen echten Wettbewerbsvorteil im Kampf um Fachkräfte zu verschaffen.“
„Damit wird der Makler vom Versicherungsvermittler zum langfristigen Partner bei Zukunftsthemen rund um Mitarbeitergewinnung und -bindung seiner Kunden.“ - Annemarie Lisa Huber, VKB
Ein Satz, der gut zusammenfasst, wohin die Reise geht: weg vom Produktverkäufer, hin zum Berater mit echtem unternehmerischen Mehrwert.
Kein Vortrag, kein Newsletter, ein Gespräch
Was die Workation von einer normalen Fachveranstaltung unterscheidet, ist nicht das Programm allein. Es ist die Zusammensetzung des Raums und was daraus entsteht. Makler reden mit Maklern. Gesellschaften reden mit Maklern. Und alle reden miteinander auf eine Art, die auf einer Produktschulung oder Messe so nicht funktioniert.
Yunus Emre Cicek fährt dank des Nebeneinanders im Raum mit einem konkreten Ertrag nach Hause: Bei einem Gespräch erfuhr er von einem neuen bKV-Tarif der VKB, von dem er bis dahin nichts wusste. Nicht durch einen Vortrag, nicht durch einen Newsletter, sondern durch ein Gespräch.
Für Gülay Kilic, Vertriebsmanagerin bei der LKH, war genau das der Wert: Maklerbetreuung lebe nicht nur von Produkten und Präsentationen, schreibt sie im Nachgang, sondern von Vertrauen, offenen Gesprächen und davon, wirklich zuzuhören. Gerade außerhalb des offiziellen Programms entstünden oft die Gespräche, die am meisten hängen bleiben.
Jana Bader, Maklerbereichsleiterin bei der Allianz, sieht darin eine Entwicklung, die über einzelne Events hinausgeht:
„Der Makler wird zunehmend zum Berater und Impulsgeber, der individuelle Lösungen entwickelt und einen messbaren Mehrwert für das Unternehmen schafft.“ - Jana Bader, Allianz
Das gilt für betriebliche Vorsorge, aber eigentlich für das ganze Berufsbild.
Ob Menschen wirklich miteinander reden – das merkt man
Was bleibt nach drei Tagen Koblenz? Nadine Romming, die schon beim ersten Mal dabei war, bringt es auf den Punkt:
„Es ist total wichtig geworden, dass sich junge Makler zusammenschließen. Es gehen ja auch ganz viele alte Makler. Und da ist das Mindset ein ganz anderes geworden, dass man Wissen teilt.“ - Nadine Romming
Das ist vielleicht das eigentliche Ergebnis der Workation: nicht ein Tool, das man mitnimmt, sondern eine Haltung. Kein gewöhnliches Branchenevent eben. Kai Schmied und Christian König planen die dritte Workation für 2027. Anfragen gibt es schon jetzt.
Titelbild © NewFinance






























































