Kennst du diesen Moment im Stadion, wenn die eigene Kurve anfängt? Erst einer, dann zehn, dann die ganze Tribüne. Fünftausend Stimmen, rhythmisch, bösartig, ansteckend. Alles ist vorbei. Alles ist vorbei. Und du siehst drüben – beim gegnerischen Torhüter – wie die Schultern einen Millimeter tiefer sinken. Er dreht sich nicht um. Er sagt nichts. Aber der Lärm ist bereits drin, irgendwo zwischen Nacken und Selbstvertrauen, und von dort kommt er so schnell nicht wieder raus.
So klingt die Branche gerade. Nur dass wir diesmal nicht die Kurve sind. Wir sind der Torhüter.
Dabei hat unser frisch gekürter Bundeskanzler vor ein paar Wochen nur laut ausgesprochen, was in den aktuariellen Gutachten seit Jahren steht: Die gesetzliche Rente ist kein Versprechen mehr. Sie ist eine Untergrenze. Basisschutz. Analoges Bürgergeld. Und in vielen Fällen längst überholt von eben jenem. Das ist keine Neuigkeit. Das ist die verspätete Pressekonferenz zu einem Unfall, der 1972 passiert ist. Aber gut, dass wir endlich drüber reden.
Und jetzt? Jetzt hat der Staat natürlich eine Idee.
Die Idee heißt: provisionsfrei. Weil wir (und ich übersetze hier nur den kollektiven Unterton der Reformarchitekten) selbstverständlich Geldgeier sind. Wer jahrelang Ausbildungen absolviert, Prüfungen besteht, sich durch Regulatorik kämpft, eine 34d-Zulassung trägt wie einen bürokratischen Rucksack voller Steine, 15 bis 30 Stunden Fortbildung im Jahr nachweist – und sich dann an den Tisch eines echten Menschen setzt und dessen Zukunft sortiert – der soll gefälligst umsonst arbeiten. Damit das Produkt billiger wirkt. Damit der Staat sagen kann: Wir haben etwas getan. Wir haben die Geldgeier entmachtet.
Herzlichen Glückwunsch. Ich frage mich nur, ob der Steuerberater, der Anwalt, der Architekt auch bald kostenlos arbeiten soll. Oder ob das exklusive Privileg der Demontage ausgerechnet uns vorbehalten bleibt.
Aber bitte; es ist ja zum Wohle der Verbraucher. Die Verbraucher, wohlgemerkt, die seit Jahrzehnten wegschauen. Als Riester kam, standen keine Schlangen vor den Maklerbüros. Als Rürup kam, auch nicht. Als die Lebensversicherung zur Antiquität erklärt wurde, hat das die breite Bevölkerung mit der gleichen stoischen Gleichgültigkeit aufgenommen wie eine Fahrplanänderung im Regionalexpress.
Und jetzt, mit der dicksten Rentenreform seit einer Generation, bin ich sehr gespannt, wann genau dieses Volk aufwacht und in geordneten Reihen Eigenverantwortung übt.
Ich tippe: nie. Oder zumindest nicht ohne jemanden, der daneben sitzt.
Denn hier ist das schmutzige Geheimnis, das die Reformarchitekten in ihren Powerpoints nicht abbilden können: Menschen sind bequem. Liebevoll, universell, unverbesserlich bequem. Und Geld hat immer eine Körpertemperatur. Einem Chatbot vertraue ich meinen Spotify-Algorithmus an, vielleicht noch meine Steuererklärung. Aber meine Altersvorsorge? Da will ich wissen, wer am anderen Ende sitzt. Was der schon erlebt hat. Ob der mich ansieht, wenn er redet. Maschinen können vieles – Vertrauen simulieren sie, echtes bauen Menschen auf.
Also: keine Angst. Aber eine klare Ansage.
Wer sein Modell auf Provision reduziert hat, wird es schwer haben. Nicht wegen der Reform, sondern weil er seinen eigenen Wert nie gelernt hat zu benennen. Wer aber in der Lage ist, dem Kunden zu erklären, was er tut, warum es wichtig ist und was es wert ist, der hat kein Problem weniger. Der hat ein Argument mehr. Ich habe in meiner Praxis erlebt, dass Kunden auf die Frage nach einem Honorar nicht erschrocken zurückgewichen sind. Der häufigste Satz war: „Ich hätte mehr erwartet.“
Was nix kostet, ist bekanntlich nichts wert. Das weiß jede Handwerkerin. Jeder Friseur. Jede Ärztin. Nur wir haben jahrelang so getan, als wäre unsere Arbeit ein kostenloses Beiprodukt eines Produktverkaufs. Vielleicht ist die Reform also weniger Bedrohung als Quittung. Und gleichzeitig die lauteste Einladung, die wir je bekommen haben, endlich anders aufzutreten.
Veränderung gab es immer. Wir sind noch da.
Die Frage ist nie, ob es Reformen gibt. Die Frage ist, wer sie gestaltet und wer sie erleidet.
Die Kommentarspalte ist offen. Ich bin gespannt, wer von euch schon längst umgedacht hat und es nur noch nicht laut gesagt hat.
Im siebten Teil von Le Bonmot ging es übrigens um den St. SCHUFA's Day.
Titelbild: © Alexey Testov