Wer sich mit dem Markt für Tierkrankenversicherung ernsthaft auseinandersetzt, merkt schnell: Die Anzahl der Anbieter täuscht. Ja, es gibt viele Tarife. Aber wenn man anfängt, wirklich zu vergleichen, kommt man immer wieder bei denselben Playern raus. Das ist keine Kritik meinerseits, sondern schlichtweg Realität. Und es macht fundiertes Fachwissen umso wertvoller.
Ein Markt, der erwachsen wird
Die Tierkrankenversicherung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich professionalisiert. Tarife, die nur bis zum 1,3-fachen Gebührenordnungssatz erstatteten, sind fast verschwunden. Das ist gut so. Gleichzeitig hat sich das Premiumsegment ausgedünnt: Tarife mit wirklich unbegrenzten Leistungen für ambulante Behandlungen und Operationen gibt es nicht mehr so viele. Wer im Premiumbereich berät und den Preis mitdenkt, merkt das schnell.
Gleichzeitig hat sich die Nachfrage verschoben. Reine OP-Versicherungen werden weniger nachgefragt, Vollkrankenversicherungen hingegen – also Tarife, die ambulante Behandlungen mitabdecken – werden zum neuen Standard. Das hat einen einfachen Grund: Der Schaden beziehungsweise die hohen Kosten entsteht eben nicht nur auf dem OP-Tisch.
Was ich zuerst prüfe
Beim Tarif-Check gibt es für mich klare Prioritäten: Erstattung bis zum vierfachen Gebührenordnungssatz ist Pflicht, alles darunter ist in der Praxis zu eng. Leistungsobergrenzen für ambulante Behandlungen oder Operationen – also so etwas wie 1.000 Euro – sind für mich ein sofortiges K.O.-Kriterium.
Wer im Schadensfall gegen eine solche Deckelung läuft, hat das Produkt (und seinen Nutzen) nicht verstanden.
Was außerdem fast immer unterschätzt wird: Zahnleistungen. Sie sind in den meisten Tarifen nicht automatisch enthalten, sondern separat wählbar. Aber gerade bei Katzen sind gut 20 Prozent der Schadensfälle aufgrund von Zähnen. Wenn das beim Abschluss nicht aktiv besprochen wird, entsteht ein blinder Fleck, der sich im Schadensfall bemerkbar macht. Ähnliches gilt für die Physiotherapie. Und bei Verträgen mit langen Laufzeiten ist auch eine Innovationsklausel sinnvoll: Ein Tier lebt zehn, fünfzehn Jahre. Was in dieser Zeit an neuen Behandlungsmethoden entsteht, sollte idealerweise mitversichert sein.
Die Bedarfsanalyse: strukturiert, aber nicht starr
Der Ablauf ist eigentlich recht simpel. Zuerst: Welche Tierart, welche Rasse, welches Alter? Schon hier kann die Beratung enden, denn nicht jedes Tier ist versicherbar, und bestimmte Rassen werden von Gesellschaften unterschiedlich eingestuft. Dann kommt der Gesundheitszustand. Vorerkrankungen können zu Ausschlüssen führen, ähnlich wie bei der BU oder der PKV für den Menschen – im schlimmsten Falle auch zur Ablehnung.
Danach schaue ich auf den Kontext: Wird das Tier gewerblich eingesetzt? Beispielsweise auf Turnieren oder zur Jagd? Oder ist es ein klassisches Freizeit- und Familientier? Und schließlich: Was ist das Budget? Aus diesen Punkten ergibt sich, ob ich in Richtung OP-Schutz oder direkt zur Vollkrankenversicherung berate.
OP oder Vollkranken?
OP-Versicherungen sind primär eine Budgetlösung. Sie decken teure Spitzen ab, und das war lange Zeit die Standardbegründung. Heute muss ich das differenzieren: Auch regelmäßig wiederkehrende ambulante Behandlungen können erhebliche Kosten verursachen, ohne dass je eine Operation nötig ist. Eine reine OP-Versicherung greift dann also gar nicht.
Die Vollkrankenversicherung hingegen übernimmt auch Diagnostik, ambulante Behandlungen und bei guten Tarifen auch Vorsorgemaßnahmen. In meiner Praxis endet die große Mehrheit der Beratungen mit einem Abschluss einer Vollkrankenversicherung. Das ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer Beratung, die wirklich am Bedarf ansetzt und nicht am Preis.
Selbstbeteiligung: Die Entscheidung liegt beim Kunden
Die meisten Tierhalterinnen und Tierhalter wollen keine oder eine niedrige Selbstbeteiligung. Das ist erst einmal nachvollziehbar. Aber: Wer jeweils bis zu 300 oder 500 Euro selbst trägt, merkt den Nutzen des Produkts bei kleinen Schadensfällen kaum. Gerade wer sich unsicher ist, ob ein Besuch beim Tierarzt nötig ist, überlegt dann zweimal. Das widerspricht meiner Meinung nach allerdings dem Sinn einer Krankenversicherung.
Andererseits gibt es Kunden, die bewusst eine höhere Selbstbeteiligung wählen, um den Beitrag zu senken. Das ist in Ordnung, solange klar kommuniziert wird, was das heißt: Kleinkostenschäden trägt man selbst, die Versicherung greift dort, wo es richtig doll wehtut. Am Ende richtet sich die Entscheidung also nach der finanziellen Situation des der Kundin oder des Kunden und nicht nach meinem Abschlusswunsch.
Fehler, die im Leistungsfall teuer werden
Die häufigsten Fehler sind bekannt und wiederholen sich leider trotzdem immer wieder: Wer nur auf den Beitrag schaut, landet meist bei einem Tarif, der eher billig ist, und nicht wirklich gut. Leistungsbegrenzungen für rassenspezifische Erkrankungen werden übersehen, Zahnleistungen nicht mitgewählt. Und Gesundheitsfragen werden ebenfalls oft nicht sorgfältig genug beantwortet.
Dieser letzte Punkt ist besonders kritisch: Denn auch Tierkrankenversicherer können im Leistungsfall Unterlagen anfordern, genau wie PKV oder BU. Wer bei den Gesundheitsfragen nicht sauber war, riskiert eine Ablehnung. Und ein Kreuzbandriss oder eine aufwendige Zahn-OP kosten schnell mehrere tausend Euro. Das sind Momente, in denen Kundinnen und Kunden merken, ob sie wirklich gut beraten wurden.
Genauso wichtig: nicht zu spät abschließen. Je früher ein Tier versichert wird – idealerweise im Welpenalter – desto besser sind auch die Konditionen. Vorerkrankungen entstehen, Rassen werden höher eingestuft, der Beitrag steigt mit dem Alter. Wer früh handelt, sichert sich die Vorteile über die gesamte Laufzeit.
Fazit: Qualität schlägt Preis
Der Tierkrankenversicherungsmarkt ist kleiner, als er auf den ersten Blick wirkt.
Die wirklich starken Tarife sind überschaubar. Genau deshalb lohnt es sich, das nötige, tiefe Fachwissen aufzubauen, bevor man anfängt zu beraten. Wer den Markt kennt, berät besser.
Im dritten Beitrag dieser Reihe geht es ums Wachstum: Welche Tiersegmente über Hund und Katze hinaus interessant sind, wie Kooperationen mit Tierarztpraxen und Tierfachgeschäften funktionieren und was du als Maklerin oder Makler mitnehmen solltest, wenn du dieses Segment wirklich ausbauen willst.
Titelbild © Lennard Schwarzer