Die Versicherungsbranche hat ein Problem. Und das Problem hat einen Namen: Nachwuchs. Oder besser gesagt: der Mangel daran. Überall wird über demografischen Wandel, fehlende Auszubildende und die Suche nach frischen Köpfen gesprochen. Die Alarmglocken läuten längst.
Doch was passiert eigentlich, wenn diese frischen Köpfe dann wirklich kommen? Wenn junge Menschen mit neuen Ideen, anderen Arbeitsweisen und digitalem Mindset in die Branche drängen? Werden sie mit offenen Armen empfangen? Oder stoßen sie auf unsichtbare Barrieren? Auf ein „Das haben wir schon immer so gemacht“, auf Strukturen, die Veränderung eher verhindern als fördern?
Auf der DKM in Dortmund haben wir unsere Insurpunks deshalb mit genau dieser These konfrontiert:
„Viele junge Menschen wollen die Branche mitgestalten, stoßen aber auf Mauern aus Gewohnheit.“
Die Antworten könnten unterschiedlicher kaum sein und offenbaren damit einen Generationenkonflikt, der tiefer geht als erwartet.
Benedikt Deutsch: „Bekommen das Nachwuchsproblem in den Griff“
Benedikt Deutsch bestätigt die These, sieht aber Licht am Ende des Tunnels:
„Ist tatsächlich so. Wobei ich immer mehr jetzt auch mit den Insurpunks zum Beispiel erkenne: Wenn man Mauern aufbricht und nach draußen kommuniziert, wie cool die Branche eigentlich ist, dann bekommen wir dieses Nachwuchsproblem, glaube ich, in den nächsten zehn Jahren in den Griff.“
Für Deutsch ist die Lösung klar: Sichtbarkeit schaffen und zeigen, was die Branche wirklich zu bieten hat.
Christian König: „Man merkt, dass man auf Mauern stößt“
Christian König kann die These in Teilen bestätigen. Seine Beobachtung: Jüngere Maklerinnen und Makler haben oft das Gefühl, auf Widerstand zu stoßen.
„Man merkt tatsächlich schon, dass man immer mal wieder bei manchen älteren Maklerkollegen auf eine Mauer kommt. Im Sinne von (…) ausschließen. Oder es wird gesagt: Ich gebe mein Wissen an euch nicht weiter – oder nur für Geld.“ Zudem gebe es „viele Versicherer, die sich dagegen wehren, dass jetzt ein klarer Strukturwandel stattfindet. Dass junge Makler eine ganz andere Art und Weise haben zu arbeiten.“
Frank Bender: „Etwas mehr Demut wäre angebracht“
Frank Bender sieht das komplett anders. Für ihn stoßen junge Menschen nicht auf Grenzen. Im Gegenteil: Der Hype um Nachwuchs-Initiativen sei sogar übertrieben:
„Ich finde den ganzen Hype um sämtliche Jungmakler-Events, Netzwerke und so weiter etwas too much sogar. Es heißt immer: Wir machen alle die Branche besser. Das heißt im Umkehrschluss: Die Branche war davor scheiße, beziehungsweise die älteren Kollegen machen alles schlecht.“
Sein Appell: „Man sollte vielleicht etwas mehr Demut walten lassen, in die Branche gehen und versuchen, mitzugestalten, anstatt zu versuchen, alles umzukrempeln.“
Johann Gräbner: „Stromberg-Style und altbacken“
Johann Gräbner wählt drastische Worte, nennt es aber anders: „Ich würde es eher Stromberg-Style und altbacken nennen. Es muss sich schon viel tun in den Maklerbüros, damit sich junge Menschen dort wohlfühlen.“ Die Arbeitskultur in vielen Büros passe nicht mehr zur Generation, die man gewinnen wolle.
Die Message ist also: Das Problem sind nicht fehlende oder geschlossene Türen, sondern veraltete Strukturen und Umgangsformen, die abschreckend wirken. Wer Nachwuchs will, muss sich auch die Frage stellen, ob das eigene Büro überhaupt ein Ort ist, an dem sich junge Menschen entfalten können, oder eher eine Kulisse à la Capitol Versicherung.
Kimberly Elsholz: „Auf einem guten Weg, aber noch nicht am Ziel“
Kimberly Elsholz sieht die Branche gespalten: „Teils, teils. Es gibt schon einige Bereiche, die machen wirklich viel für junge Menschen und für die Branche. Aber teilweise haben wir auch noch so dieses schlechte Bild oder diesen klassischen eingestaubten Makler.“
Ihr Fazit: „Wir sind da schon auf einem richtig guten Weg, müssen aber dennoch mehr tun, um wirklich den Nachwuchs in unsere Branche zu holen. Es ist und bleibt ein wichtiger Job, den wir hier alle machen.“
Martin Markowsky: „Habe völlig andere Erfahrungen gemacht“
Martin Markowsky kann die These überhaupt nicht nachvollziehen: „Ich sehe das völlig anders, weil ich ganz andere Erfahrungen gemacht habe. Ich habe damals einen jungen Kollegen kennengelernt, der war 27 – könnte also mein Sohn sein. Und er hat mich mitgenommen in eine Welt, die ich überhaupt nicht mehr verstehe: Prozesse mit KI bauen. (...) Das bereichert mich total.“
Seine Beobachtung: „Manchmal kommen auch die Älteren ein bisschen zu kurz. Am Ende sind es meistens die Leute, die haben größere Bestände und wollen vielleicht in vier, fünf Jahren aufhören. Und dann gibt es die jungen Wilden, die technisch auf einem völlig anderen Level unterwegs sind.“
Seine Lösung? Alle miteinander zu verknüpfen: „Ich glaube, dass das für beide eine Riesenchance ist. Aber ich kann schon nachvollziehen, dass es auf beiden Seiten Ressentiments gibt, wirklich zusammenzuarbeiten, weil teilweise die Welten doch sehr auseinanderklaffen.“
Matthias Kaulen: „Der deutsche Michel ist stark“
Matthias Kaulen sieht das Problem, glaubt aber an die Durchsetzungskraft der jüngeren Generation:
„Ich glaube, dass der deutsche Michel in der Versicherungsbranche relativ stark ist und seine alte Meinung immer noch vertritt. Aber die junge Generation kommt immer mehr zum Vorschein und will was verändern. Und ich glaube, mit diesem eisernen Willen der jungen Kollegen werden wir auch was verändern.“
Sonja Keller: „Ich sehe es überhaupt nicht so“
Sonja Keller widerspricht der These fundamental: „Ich bin der Meinung, dass gerade für die jungen Makler mittlerweile viel getan wird. Die Versicherer öffnen sich und tatsächlich fällt eher so dieses Alte, Eingefahrene nach hinten runter. Man versucht den jungen Maklern gute Sachen mit auf den Weg zu geben und ihnen die Arbeit zu erleichtern.“
Und sie fügt noch etwas sehr Wichtiges hinzu: Man höre ihnen zu.
Tamara Christ-Böhm: „Frische Ideen nicht in alte Formeln pressen“
Tamara Christ-Böhm betont die Chance, die in der Nachwuchsförderung liegt: „Ich bin vollkommen dieser Meinung. Ich denke, dass es schwierig ist, in der Versicherungsbranche erstmal Innovationen an den Mann zu bringen. Aber das ist definitiv eine Chance für uns alle, weil wir uns dadurch so viel weiterentwickeln können, wenn neue Ideen reinkommen, neue Denkweisen.“
Der entscheidende Punkt: „Die Wertansätze von der jüngeren Generation sind komplett andere. Wenn man diese frischen Ideen einfach aufnimmt und sie mitgestalten lässt, dann kann etwas Großartiges daraus entstehen. Man sollte nicht versuchen, die frischen Ideen, die jungen Geister, in die bestehenden Formeln reinzupressen, sondern ihnen einfach mal freien Lauflassen und mal schauen, was dabei herauskommt.“
Fazit: Zwischen Aufbruch und Beharrung
Die Diskussion zeigt: Es gibt sie, die Mauern aus Gewohnheit. Aber es gibt auch immer mehr Brücken zwischen den Generationen. Denn die erfolgreichsten Beispiele entstehen dort, wo Alt und Jung voneinander lernen: Erfahrung trifft auf technisches Know-how, Bestandswissen auf frische Perspektiven, bewährte Prozesse auf innovative Ansätze.
Die Herausforderung: Eine Branche, die händeringend Nachwuchs sucht, muss auch dazu bereit sein, Nachwuchs wirklich Raum zu geben – nicht nur rhetorisch, sondern strukturell. Neue Arbeitsweisen zuzulassen, andere Wertvorstellungen zu respektieren und vor allem: zuzuhören statt zu belehren.
Denn eines ist klar: Die junge Generation will die Branche nicht kaputtmachen. Sie will sie mitgestalten. Die Frage ist nur, ob wir sie lassen.
Mehr aus unserer DKM-Thesen-Reihe: KI oder K.O.?