2024 waren 33 Prozent aller Selbstständigen in Deutschland Frauen. Das entspricht rund 1,2 Millionen Gründerinnen und Unternehmerinnen. 44 Prozent aller Neugründungen 2023 gingen auf Frauen zurück. Diese Zahlen zeigen: Weibliche Selbstständigkeit ist kein Nischenthema mehr.
Frauen gründen, ja. Aber unter erschwerten Bedingungen. Sie haben häufiger Schwierigkeiten bei der Kapitalbeschaffung, tragen oft eine Doppelbelastung aus Familie und Beruf und sind stärker von Geschäftsaufgaben betroffen als Männer. Für Maklerinnen und Makler bedeutet das: Hier liegt eine Zielgruppe, die spezifische Bedürfnisse hat und die dementsprechend beraten werden muss.
Besonders brisant: Die Gesundheit. 93 Prozent der erwerbstätigen Frauen gaben in einer Studie an, unter Stress zu leiden, bei Männern waren es 84 Prozent. 51 Prozent der Frauen berichten von Burn-out-Symptomen, bei Männern sind es 37 Prozent. Frauen fallen wegen Burn-out deutlich länger aus: 174 Ausfalltage je 1.000 AOK-Mitglieder bei Frauen gegenüber 97,6 Tagen bei Männern. Und: 44 Prozent aller Berufsunfähigkeitsfälle bei Frauen gehen auf psychische Erkrankungen zurück, während es bei Männern 28 Prozent sind. Diese Zahlen sind kein Zufall, sondern Resultat struktureller Belastungen.
Der historische Wendepunkt: Unisex-Tarife seit 2012
Bis zum 21. Dezember 2012 war die PKV für Frauen deutlich teurer. Der Grund: Längere Lebenserwartung, häufigere Arztbesuche und die Möglichkeit einer Schwangerschaft führten zu höheren Beiträgen in den sogenannten Bisex-Tarifen. Frauen zahlten daher für vergleichbare Leistungen oft 20 bis 30 Prozent mehr als Männer. Mit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs änderte sich das: Seit Ende 2012 gelten Unisex-Tarife. Frauen und Männer zahlen bei gleichem Eintrittsalter denselben Beitrag.
Die Folge: Die Wechselbereitschaft von Frauen in die PKV stieg signifikant. Insbesondere bei Selbstständigen und geringfügig Beschäftigten, die keine Einkommensgrenzen wie Angestellte haben. Heute ist die PKV für selbstständige Frauen nicht mehr das teurere Modell, sondern oft die bessere Wahl. Für Maklerinnen und Makler heißt das: Wer noch mit alten Vorurteilen berät („PKV ist für Frauen zu teuer“), verpasst Chancen. Die Unisex-Regelung hat die Spielregeln geändert, und das seit über 12 Jahren.
Doch die historischen Gründe für die Preisdifferenz zeigen, worauf Frauen heute achten müssen: Schwangerschaft, Geburt und frauenspezifische Gesundheitsvorsorge sind die Bereiche, in denen sich PKV-Tarife unterscheiden.
Karriere zuerst, Kinder später
Eine Freundin erzählte kürzlich: Nach drei Jahren vergeblicher Versuche entschied sie sich für eine künstliche Befruchtung. Die Kosten: rund 5.000 Euro. Pro Versuch. Sie konnte sich einen leisten. „Wenn es nicht klappt, dann war's das“, sagte sie. Und das, obwohl sie und ihr Partner beide gut verdienen.
Das Problem ist nicht nur finanziell, es ist strukturell. Frauen wird ab 15 gesagt: „Pass auf, du kannst jederzeit schwanger werden.“ Dann will man Kinder – und plötzlich dauert es 1-2 Jahre oder funktioniert gar nicht. Niemand hat die Rücklagen für drei bis fünf Versuche à 5.000 Euro. Das Natürlichste der Welt wird zur Luxusleistung.
Die Zahlen sprechen für sich
Laut dem Deutschen IVF-Register wurden 2021 in Deutschland 21.066 In-vitro-Fertilisationen durchgeführt. Die GKV übernimmt bei verheirateten Paaren maximal 50 Prozent der Kosten für drei Versuche und nur bei bestimmten Methoden und Altersgruppen (Frauen 25-40 Jahre). Unverheiratete, gleichgeschlechtliche Paare oder Frauen über 40 gehen oft leer aus.
Eine IVF-Behandlung inklusive Medikamente kostet durchschnittlich 4.000-5.000 Euro. Bei ICSI (Intracytoplasmatische Spermieninjektion) kommen weitere 1.500-2.000 Euro hinzu. Wer drei Versuche braucht, zahlt 12.000-15.000 Euro. Bei 50 Prozent GKV-Erstattung bleiben 6.000-7.500 Euro Eigenanteil.
In der PKV hängt es vom Tarif ab: Einige decken Kinderwunschbehandlungen zu 100 Prozent ab, andere schließen sie aus. Moderne Tarife berücksichtigen zudem Cryokonservierung, das Einfrieren von Eizellen, um sich Fruchtbarkeit zu sichern. Ein Thema, das für karriereorientierte Frauen immer relevanter wird.
Für Maklerinnen und Makler, die selbstständige Frauen beraten: Hier liegt ein Beratungsfeld, das über Standard-Absicherung hinausgeht. Wer Karriere macht und Kinder später plant, sollte wissen: Die biologische Uhr tickt, die Kosten steigen, die gesetzliche Absicherung ist unzureichend. Ein Tarif, der Kinderwunschbehandlung und Cryokonservierung mitversichert, ist keine Spielerei. Es ist eine Lebensplanung.
Gesundheitsrisiken bei selbstständigen Frauen: Die Absicherungslücke
Selbstständige Frauen tragen ein doppeltes Risiko: Sie sind gesundheitlich stärker belastet und haben gleichzeitig seltener eine Absicherung. Nur 12 Prozent der Frauen haben eine Berufsunfähigkeitsversicherung, bei Männern sind es 17 Prozent. Dabei sind psychische Erkrankungen mit 37 Prozent die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit, bei Frauen sogar mit 44 Prozent. Die Konsequenz: Selbstständige Frauen ohne BU oder ohne solide Krankentagegeldabsicherung stehen bei längerer Erkrankung oft ohne Einkommen da.
Moderne PKV-Tarife können hier echten Mehrwert bieten: 100 Prozent Erstattung für Reha-Maßnahmen, auch unabhängig vom Krankenhausaufenthalt. Psychotherapie ohne Wartezeiten und Budgetgrenzen. Krankentagegeld, das bei Ausfall greift, auch wenn das Kind krank ist. Für Maklerinnen und Makler ist das ein entscheidender Beratungsansatz: Nicht nur die Akutkrankheit absichern, sondern die Rückkehr ins Leben. Gerade bei selbstständigen Frauen, die oft keine Rückfallebene haben, ist diese ganzheitliche Absicherung existenziell.
Welche Leistungen zählen für Frauen?
Über die Standardleistungen hinaus sollten selbstständige Frauen auf folgende Tarifmerkmale achten:
- Empfängnisverhütung (bis Alter 21): Kostenübernahme für Verhütungsmittel
- Gynäkologische Vorsorge über GKV-Standard hinaus: Brust-MRT, Mammografie, Ultraschalluntersuchungen, Impfungen, Genetiktests
- Geburtsleistungen: Geburtsvorbereitungskurse, Schwangerschafts- und Rückbildungsgymnastik, Familienzimmer, Entbindungspauschalen bei Hausgeburt, Haushaltshilfen, Rooming-in (Kinder bis 15 Jahre können im Krankenhaus begleitet werden)
- Kinderwunschbehandlung und Cryokonservierung
- Alternative Medizin und Heilmethoden: Akupunktur, Homöopathie
Warum alternative Heilmethoden für Frauen wichtiger sind
Die Medizin basiert oft auf Studien mit Männern. Die konventionelle Schulmedizin ist teilweise veraltet, wenn es um Frauengesundheit geht, und verschlossen gegenüber neuen Heilmethoden. Gerade bei Themen wie Zyklus, Fruchtbarkeit und Stress wirken sich hormonelle Steuerung und körperliche Prozesse bei Frauen völlig anders aus als bei Männern. Viele Frauen suchen deshalb gezielt nach alternativen Heilmethoden, ein Bedarf, den PKV-Tarife abdecken sollten.
Beratungspraxis: empathisch, aber faktenbasiert
Wie sprechen Maklerinnen und Makler das Thema Frauengesundheit an, ohne zu pathologisieren? Der Schlüssel liegt in der Kombination aus Empathie und Fakten. Statt zu sagen „Frauen sind öfter krank“, besser: „Selbstständige Frauen tragen oft eine Doppelbelastung. Wie sichern Sie sich ab, wenn Sie länger ausfallen?“
Und statt „Sie brauchen eine BU“: „Viele selbstständige Frauen unterschätzen ihr Burn-out-Risiko. Haben Sie schon mal über Krankentagegeld nachgedacht?“ Diese Gesprächsführung nimmt Kundinnen ernst, ohne sie zu bevormunden.
Die emotionale Verkaufsebene nutzen
PKV-Tarife verkaufen sich bei Frauen nicht über den Beitrag, sondern über emotionale Trigger: Kinderwunschbehandlung, Cryokonservierung, Schwangerschaftsleistungen. Für alleinstehende Frauen sind diese Themen oft besonders relevant. Als Maklerinnen oder Makler muss man verstehen: Das sind intensive emotionale Themen, keine Produktfeatures. Wer hier sensibel berät, gewinnt Vertrauen und langfristige Kundenbeziehungen.
Für Versicherer, Maklerinnen und Makler liegt hier enormes Potenzial: Frauen legen laut Studien großen Wert auf gute Beratung in Finanz- und Vorsorgefragen. 83 Prozent halten sie für wichtig. Wer heute selbstständige Frauen berät, sollte die historische Entwicklung kennen (Unisex-Tarife!), die gesundheitlichen Risiken ernst nehmen und Lösungen anbieten, die über Standard-Policen hinausgehen. Denn eines ist klar: Selbstständige Frauen sind keine Nische mehr, sie sind eine wachsende, wirtschaftlich relevante Zielgruppe mit spezifischen Bedürfnissen.
Zum vorherigen Artikel dieser Reihe: Familienplanung ohne Beitragsschock
Titelbild: © Kimberly Elsholz