Die Versicherungsbranche steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Künstliche Intelligenz (KI) ist längst keine Zukunftsvision mehr, sondern Realität im Makleralltag. Doch wie radikal wird diese Transformation wirklich sein? Auf der diesjährigen DKM-Messe in Dortmund (hier geht es zu unserem Recap samt Impressionen) haben wir unsere Insurpunks mit einer provokanten These konfrontiert:
„Wer KI ignoriert, wird in ein paar Jahren keine Kunden mehr haben.“
Die Reaktionen reichen von „absolut korrekt“ bis „kompletter Schwachsinn“ und zeigen dabei ein differenziertes Bild einer Branche im Umbruch.
Fabian Albrecht: „Absolut korrekt“
Fabian Albrecht lässt keinen Zweifel aufkommen: Die These trifft in seinen Augen voll und ganz zu. Kurz, knapp, eindeutig.
Marcus Knispel: „KI-Nutzer werden KI-Verweigerer verdrängen“
Marcus Knispel stimmt der These grundsätzlich zu, differenziert aber: KI werde die menschliche Beratung nicht komplett ersetzen, zumindest nicht so schnell, wie manche befürchteten, so der PKV-Profi.
„Diese Entwicklung wird nicht so schnell vorangehen, dass KI wirklich auch komplexe Beratungssituationen in Gänze abbilden können wird. Was ich aber auf jeden Fall glaube: Der Versicherungsmakler, der sich heute mit KI beschäftigt und KI in seine Prozesse einbindet, wird den Makler, der KI in seinen Prozessen ignoriert, auf lange Sicht verdrängen.“
Der Grund? Effizienz. Denn wie er uns verriet, benutzt Knispel KI bereits intensiv für Recherchen: „Die Ergebnisse sind sehr, sehr gut und ich kriege sie in einer Geschwindigkeit, da müsste ich wahrscheinlich sonst teilweise Wochen für recherchieren.“ Sein Fazit: „KI ist wirklich wie ein Brandbeschleuniger. Wer sich dem versperrt, wird wahrscheinlich über kurz oder lang weniger Kunden gewinnen.“
Andreas Grimm: „Ohne KI keine Marktchancen“
Andreas Grimm teilt die These in wesentlichen Teilen, wenn auch nicht in ihrer Absolutheit. Seine Begründung ist pragmatisch:
„Wir sehen bereits jetzt, was KI-Systeme können. In der Zukunft wird man für das reine Bestandsmanagement und für die Verkaufsunterstützung nicht mehr ohne KI-Systeme diese Effizienz entwickeln können und auch diese Qualität nicht entwickeln können, die der Markt und der Gesetzgeber erwartet.“
Für Grimm ist klar: Wer diese Entwicklung nicht mitgehe, werde sukzessive aus dem Markt gedrängt. Und zwar schlicht, weil die Anforderungen an Effizienz und Qualität ohne KI nicht mehr zu erfüllen seien.
Tamara Christ-Böhm: „KI kann keinen Menschen ersetzen“
Insurpunkerin Tamara Christ-Böhm stimmt nur teilweise zu. Ja, KI mache das Leben als Versicherungsmakler oder -maklerin deutlich einfacher und bringe Zeitersparnis. Aber:
„KI kann einfach keinen Menschen ersetzen und dieses Vertrauen kann keine KI schaffen“ – ebenso wenig wie „das Verständnis für eine Lebenssituation von einem Kunden“, so Christ-Böhm. Man solle sich nicht allein darauf verlassen. In ihrem Fazit findet sie deshalb deutliche Worte: „In unserer Branche wird KI definitiv keinem Makler den Rang ablaufen.“
Dr. Alexandra Handerer: „Den Kunden abholen“
Dr. Alexandra Handerer betonte im Gespräch auf der DKM indes einen oft übersehenen Aspekt: die Kundenperspektive.
„Die Kunden schauen jetzt schon ganz viel in die KI. Wichtig aus meiner Sicht ist, den Kunden abzuholen und nicht nur daran zu denken, wie WIR die KI benutzen können, sondern vor allen Dingen auch: Wie benutzt sie denn der Kunde?“ Für sie ist deshalb auch wichtig, die folgenden Fragen zu stellen beziehungsweise sie zu beantworten: „Wie holen wir meinen Kunden im Beratungsgespräch schon ab und wie erklären wir ihm: Was siehst DU in der KI? Was biete ich dir an und was ist der wirkliche Mehrwert?“
Christian König: „Wahnsinniges Maß an mehr Effizienz“
Christian König glaubt zwar nicht an ein komplettes Verschwinden der Kundschaft für KI-Verweigerer. Vor allem ältere Kolleginnen und Kollegen würden ihre Kundinnen und Kunden behalten, sagt er.
Aber bei der jüngeren Kundschaft sehe er einen klar anderen Trend, denn diese würden „immer mehr darauf achten, ob Makler KI oder KI-gestützte Systeme nutzen. Die Makler, die auf KI setzen werden, werden ein wahnsinniges Maß an mehr Effizienz haben. Der Faktor an Kunden, die ich einzeln mit KI betreuen kann, wird auf ein Vielfaches ansteigen.“
Frank Bender: „Wer es jetzt ignoriert, wird mit der Zeit gehen“
Insurpunk Frank Bender verknüpft das KI-Thema bereits mit dem demografischen Wandel der Branche:
„Wir haben ein riesiges Nachwuchsproblem. In wenigen Jahren werden KI-Agenten die Risikoprüfungen zum Beispiel in der Krankenversicherung übernehmen. Wer es jetzt ignoriert, der wird mit der Zeit gehen. Wer es für sich arbeiten lässt beziehungsweise für sich einsetzt, der wird am Ende der Gewinner sein.“
Thorsten Schiffgens: „Unverzichtbar unter Kostendruck“
Thorsten Schiffgens formuliert es etwas milder als die ursprüngliche These, sieht KI aber dennoch als unverzichtbar:
„Das Thema KI ist unfassbar wichtig, besonders bei dem Kostendruck, unter dem die Branche liegt: mit steigenden Haftungsjahren, sinkenden Provisionen und natürlich auch immer mehr, was auf dem Makler abgeladen wird. Ich glaube, das ist nur mit KI zu bewerkstelligen.“
Steffen Moser: „Unterstützung, kein Ersatz“
Steffen Moser hingegen empfindet die These als zu extrem formuliert. Für ihn ist KI zwar ein wichtiges Thema, aber vor allem als Add-on in seiner Beratung:
„Ich sehe es als Unterstützung im Makleralltag, aber nicht als ein Ersatz, weil ich immer wieder merke, dass die persönliche Beratung, der persönliche Kontakt zu einem Beratervermittler – dass genau das für die Kunden am meisten zählt.“
Guido Babinsky: „Mit Augenmaß und Vorsicht“
Guido Babinsky stimmt der These absolut zu, mahnt aber dennoch zur Vorsicht:
„KI ist in der heutigen IT nahezu schon unersetzlich. Aber das ist meine eindringliche Bitte: mit Augenmaß.“ Er appelliert an seine Maklerkollegen, zu überprüfen und zu hinterfragen: „Welche KI-Tools setze ich ein, wo werden die Daten verarbeitet und vor allen Dingen: Für welche Zwecke werden die Daten benutzt?“
Benedikt Deutsch: „KI-Makler ersetzen Nicht-KI-Makler“
Benedikt Deutsch fand in unserem Gespräch klare Worte: „Ich glaube nicht, dass KI uns Makler ersetzen wird. Aber ich glaube, ein Makler, der KI nutzt, wird die Makler ersetzen, die keine KI nutzen, da man sich einfach so vieles deutlich einfacher machen kann." Dinge, die früher einiges an Zeit gekostet hätten, liefen mit KI deutlich schneller von der Hand.
Johann Gräbner: „Versicherungen sind Menschensache“
Auch Johann Gräbner fand klare, mehr als deutliche Worte. Er hält die These für „kompletten Schwachsinn“ im Bezug auf die Beratung an sich: „KI wird einem super viel helfen, aber Versicherungen sind immer noch Menschensache und das wird sich meiner Meinung nach nie ändern.“
Gräbners Position ist unmissverständlich: Ja zu KI als Hilfsmittel, aber ein klares Nein zur Vorstellung, dass die menschliche Beratung jemals obsolet werden könnte. Für ihn bleibt der persönliche Kontakt der unverzichtbare Kern des Versicherungsgeschäfts.
Thomas Juda: „Tendenz stimmt“
Thomas Juda sieht es nicht ganz so extrem wie die These es formuliert, erkennt aber die grundsätzliche Richtung an, in die sich der Markt bewegt. Seine Einschätzung ist zurückhaltend, aber klar: „Sehe ich nicht ganz so, aber es geht schon in die Richtung, dass man Kundschaft verliert.“
Auch wenn er die These nicht in ihrer Absolutheit teilt, signalisiert seine Aussage: Die Gefahr ist real. Wer KI ignoriert, riskiert, Kundinnen und Kunden an die Konkurrenz zu verlieren – vielleicht nicht alle, aber genug, um es zu spüren.
Fazit: Evolution statt Revolution
Die Diskussion zeigt: Die provokante These trifft einen Nerv, aber die Realität ist nuancierter. Kaum jemand glaubt, dass KI die menschliche Beratung vollständig ersetzen wird. Doch fast alle sind sich einig: Wer KI nicht nutzt, wird gegenüber Wettbewerbern ins Hintertreffen geraten.
Die Kernbotschaft lautet nicht „KI statt Makler“, sondern „Makler mit KI gegen Makler ohne KI“. Effizienz, Qualität und die Fähigkeit, mit den steigenden Anforderungen Schritt zu halten – all das wird wohl ohne KI-Unterstützung kaum noch möglich sein.
Entscheidend wird es also sein, die Balance zu finden: KI als Werkzeug für Prozessoptimierung und Recherche nutzen, dabei aber nie die menschliche Komponente aus den Augen verlieren: Vertrauen, Empathie und das Verständnis für individuelle Lebenssituationen. Denn das ist das, was den Maklerberuf ausmacht und das kann, Stand heute, keine KI leisten.