Wer heute Geld auf dem Sparbuch parkt, wird morgen weniger dafür bekommen. Warum der Kapitalmarkt kein Casino ist, sondern der einzige Weg, sich gegen die eigene Kaufkraft zu verteidigen. Und weshalb ausgerechnet Gutverdiener oft am schlechtesten vorsorgen.
Wenn ich eines in über zwanzig Jahren Beratung gelernt habe, dann das: Das größte Missverständnis in der Altersvorsorge ist der Glaube, man könne sie planen wie eine Zugfahrt. Man steigt mit Mitte zwanzig ein, spart brav bis 67, und dann kommt der Bahnhof namens Rente. So funktioniert das Leben nicht. Und so hat es ehrlich gesagt auch noch nie funktioniert.
Ich halte den Begriff „Altersvorsorge“ deshalb sogar für ein bisschen unpassend. Was wir eigentlich brauchen, ist ein lebensbegleitendes Finanzkonzept. Denn mit 67 hört das Thema Geldanlage nicht auf. Statistisch liegen dann noch 20, 25 Jahre vor uns, in denen unser Vermögen weiter arbeiten kann und oftmals auch muss. Wer sein Leben in zwei Hälften denkt, hier das Sparen, dort die Rente, hat den entscheidenden Punkt schon vor dem Ruhestand verpasst. Es ist ein durchgehender Prozess.
Der teuerste Denkfehler: „sicher“ ist nicht gleich sicher
Fangen wir bei dem an, was die meisten Menschen unter „sparen“ verstehen: Sparbuch, Tagesgeld, Festgeld. Ich sage meinen Kunden gern: Schauen Sie mal ins Lexikon. Da steht: Sparen heißt, heute Geld zur Seite zu legen, um sich in Zukunft mehr davon leisten zu können. Und jetzt kommt das Problem. Wenn ich auf dem Sparbuch ein Prozent Zinsen bekomme und die Inflation bei zweieinhalb Prozent liegt, dann lege ich heute zwar Geld zur Seite, aber kann mir morgen dennoch weniger davon kaufen.
Das ist per Definition kein Sparen mehr. Das ist bestenfalls Reserven halten und schlimmstenfalls eine garantierte Kapitalvernichtung. Rechnen wir es nüchtern durch: ein Prozent Zinsen, zweieinhalb Prozent Inflation, macht real minus anderthalb Prozent. Jedes Jahr. Auf fünf Jahre hochgerechnet weiß ich also heute schon, dass ich rund siebeneinhalb Prozent an Kaufkraft verlieren werde. In einer vermeintlich sicheren Anlage. Das ist der Punkt, an dem die meisten stutzig werden.
Auf der einen Seite habe ich Schwankungen, die ich aussitzen kann. Auf der anderen die garantierte Kapitalvernichtung bei einem Prozent Zins und zweieinhalb Prozent Inflation. Dann ist die Frage: Wie riskant ist die Schwankung wirklich und ist die Geldentwertung nichts das größere Risiko ?
Kein Zocken, sondern eine Beteiligung an der Weltwirtschaft
Trotzdem haben in Deutschland immer noch rund 23 Millionen Menschen kein Wertpapierdepot, und da sind die über 60-Jährigen schon herausgerechnet. Der Grund ist selten mangelndes Geld. Es ist eine Wissenslücke. Viele verbinden den Kapitalmarkt mit Risiko, Volatilität, im Zweifel mit Zockerei. Und ich kann diese Skepsis sogar nachvollziehen, weil den Menschen niemand die einfache Mechanik dahinter erklärt hat.
In einer üblichen Erstberatung brauche ich dafür ungefähr eine Stunde. Investieren heißt nämlich nicht, auf ein einzelnes Unternehmen zu wetten und zu grübeln, ob jetzt BMW, BASF oder SAP das bessere Pferd ist. Investieren heißt, breit gestreut an der Weltwirtschaft beteiligt zu sein. Und dann stelle ich meinen Kunden nur eine einzige Frage: Glauben Sie, dass es in fünf oder zehn Jahren noch Unternehmen geben wird, die Produkte herstellen, die andere Menschen kaufen? Wenn die Antwort „Ja“ lautet (und sie lautet praktisch immer Ja), dann wird die Wirtschaft funktionieren. Und dann funktioniert auch der Kapitalmarkt. Bei den meisten folgt an dieser Stelle ein Aha-Effekt.
Investieren ist ein Marathon, kein Sprint
Der Unterschied zwischen langfristigem Vermögensaufbau und kurzfristigem Trading lässt sich auf einen Satz reduzieren: Wer oft handelt, muss oft richtig liegen. Beim Trading versuche ich, den perfekten Ein- und Ausstieg zu erwischen. Das kann gelingen, aber je öfter ich es versuche, desto öfter muss ich goldrichtig liegen. Und ich kann jahrelang erfolgreich sein und dann ein, zwei Mal danebenliegen, und schon ist alles wieder dahin.
Gegen ein kleines „Spieldepot“, in dem jemand Erfahrung sammelt, habe ich übrigens gar nichts. Sammelt eure Erfahrungen, sage ich dann. Aber das ist eben nicht die Strategie fürs Alter. Unser Ziel ist nicht, Menschen schnell reich zu machen. Unser Ziel ist, über Jahre und Jahrzehnte eine Rendite von rund fünf bis sieben Prozent pro Jahr nach Kosten zu erreichen und daraus einen verlässlichen Vermögensaufbau zu formen. Das ist planbar und macht einen Unterschied.
Die Zeit ist dabei der beste Verbündete. Es gibt gerade aus dem amerikanischen Markt diverse Untersuchungen, die zeigen: Bei Anlagezeiträumen von zwölf, dreizehn Jahren sank das historische Verlustrisiko in der breiten Streuung gegen null. Wer lange genug dabei bleibt, braucht die teuren Garantien gar nicht, die vorne so viel Rendite kosten. Das regelt der Kapitalmarkt von allein.
Es wird wieder einen Crash geben. Die Frage ist nur, wann.
Natürlich gibt es die Angst vor einem Börsencrash. Und auch wir nehmen sie ernst und reden sie nicht weg. Im Gegenteil, ich erzähle meinen Kunden von Anfang an: Volatilität und Risiken gehören dazu. Das eine geht nicht ohne das andere. Es ist auch gar nicht die Frage, ob es wieder einen Einbruch geben wird, sondern nur, wann. Ich gehe fest davon aus, dass es in jedem Jahrzehnt mindestens einen großen Einbruch gibt. Das ist nicht schlimm, solange danach noch genug Zeit bleibt, ihn wieder auszusitzen.
Denn das eigentliche Problem der meisten Anleger ist nicht die schlechte Anlage. Es ist der schlechte Zeitpunkt. Probleme entstehen fast immer dann, wenn jemand ausgerechnet in dem Moment an sein Erspartes muss, in dem der Markt gerade unten steht. Deshalb reden wir viel zu viel über die Frage, welcher Fonds oder welcher ETF der richtige ist und viel zu wenig über die eigentlich entscheidende Frage: Wie viel Geld kann ich überhaupt investieren, ohne es kurzfristig zu brauchen? Wir reden nie vom kompletten Vermögen. Wir reden immer nur von dem Teil, der mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens die nächsten fünf Jahre nicht gebraucht wird.
Das Paradox der Gutverdiener
Jetzt kommt der Teil, der viele überrascht: Ausgerechnet Menschen mit hohem Einkommen sorgen oft schlechter vor, als man denkt. Der Grund ist einfach: Die Ausgaben steigen mindestens genauso schnell wie die Einnahmen. Der Urlaub darf etwas teurer sein, das Auto auch, an der Wohnung wird etwas gemacht. Wer nie gelernt hat, sparen zu müssen, weil ohnehin genug da war, ist im Vermögensaufbau oft erstaunlich undiszipliniert. Der Kollege mit dem kleineren Einkommen, der beim Einkaufen auf den Kassenbon schaut, ist das gewohnt und legt am Ende manchmal konsequenter etwas beiseite.
Dazu kommt ein Effekt, den kaum jemand auf dem Schirm hat: Wer über der Beitragsbemessungsgrenze verdient, zahlt ab einem gewissen Punkt nicht mehr proportional in die gesetzliche Rente ein. Der Beitrag steigt nicht weiter, das spätere Rentenniveau im Verhältnis zum Einkommen aber sinkt. Gerade diese Menschen müssten also überproportional privat vorsorgen und tun es oft am wenigsten. Der erste Schritt heraus ist unspektakulär: ein simples Haushaltsbuch. Heute eine App, früher ein Notizbuch. Einfach damit die Leute überhaupt einmal sehen, wohin ihr Geld eigentlich fließt und wo die Sparpotenziale liegen.
Der eine Satz, den jeder 40-Jährige hören sollte
Wenn ich einem 40-jährigen Kunden nur einen einzigen Satz zur Vorsorge mitgeben dürfte, wäre es dieser: Rechnen Sie sich einmal aus, was Sie später mit heutiger Kaufkraft, inflationär hochgerechnet, wirklich an Rente brauchen, als absoluten Betrag, vor Steuern. Denn das ist den meisten überhaupt nicht bewusst. Wir reden dann schnell von 8.000, 10.000, 12.000 Euro Bruttoeinnahmen im Monat, nur um das Kaufkraftniveau zu halten, das man heute schon gewohnt ist.
Diese Zahl zu kennen, kann unbequem sein. Aber sie ist der Anfang von allem. Denn erst wenn ich weiß, wo ich hin muss, kann ich ehrlich darüber reden, wie ich dorthin komme. Und die Antwort wird in fast keinem Fall „Sparbuch“ lauten. Die spannendere Frage ist dann: Wer soll dieses Vermögen eigentlich professionell managen? Und genau darum geht es im nächsten Beitrag.
Titelbild © Marco Umstadt