Neun Uhr, ich unterschreibe einen BU-Antrag, der so sauber ist, dass selbst der Risikoprüfer nichts zu meckern findet – ein Gefühl wie der Moment, in dem Luke seine Torpedos genau in den einen ungeschützten Lüftungsschacht schießt. Zehn Uhr dreißig, Storno. Der Kunde hat "nochmal drüber nachgedacht".
Elf Uhr fünfzehn, dritte Szene des Vormittags, und die unspektakulärste: eine Mail. "Bin umgezogen, können Sie das mal ändern?" Kein Adrenalin, kein Drama, nur zwanzig Minuten in drei verschiedenen Verwaltungsportalen, damit die neue Adresse auch wirklich überall ankommt, bevor der nächste Beitrag ins Leere geht oder – schlimmer – bei der falschen Meldeadresse zur Fristversäumnis wird.
Unbezahlte Liebe rostet nicht.
Willkommen im einzigen Beruf, in dem man vormittags den Todesstern sprengt, mittags Behördenkorrespondenz für einen Umzug erledigt, von dem der Kunde selbst schon nicht mehr weiß, wie er ihn organisiert bekommen soll, und nachmittags der Rebell ist, der aus der Umlaufbahn geschossen wird. Alles am selben Schreibtisch. Mit derselben Kaffeetasse, die inzwischen kalt ist, weil zwischendurch noch die Bankverbindungsänderung von Frau Huber dran war – dritte Mail dazu, weil die IBAN beim ersten Mal falsch übermittelt wurde, natürlich nicht von mir, aber am Ende sitze ich trotzdem da und korrigiere es.
Das ist der Teil, über den niemand schreibt, wenn er über Vertrieb schreibt. Es gibt Seminare zu Einwandbehandlung, zu Abschlusstechnik, zu Cross-Selling. Es gibt keins zu der Frage, was mit einem Nervensystem passiert, das seit einem Vierteljahrhundert im Halbstundentakt zwischen Abschlusseuphorie, Stornofrust und der stillen, unbezahlten Liebesarbeit der Datenpflege pendelt. Denn genau das ist Umzug, Bankverbindung, Adressänderung: keine Provision, keine Story fürs nächste Vertriebsmeeting, sondern die Art von Fürsorge, die man einem Kunden entgegenbringt, weil man ihn nicht im Regen stehen lassen will – nicht, weil irgendwer dafür bezahlt.
Und dann nach Feierabend die zweite Schicht, die auch keiner vergütet: Vater sein. Bei mir heißt das im Wochentakt zwischen zwei Haushalten wechseln, Ferienlogistik nach Erfurt organisieren, und abends noch die Energie haben, mit einem Sechsjährigen zu verhandeln, warum Zähneputzen kein Gesprächsthema, sondern ein Fakt ist. Work-Life-Balance ist bei uns kein Diagramm mit zwei gleich großen Kreisen. Es ist ein Pendel, das seit fünfundzwanzig Jahren nicht angehalten wurde und munter zwischen "Kunde des Jahres" und "dritte IBAN-Korrektur diese Woche" hin und her schwingt.
Man könnte jetzt, ganz betriebswirtschaftlich, fragen: Wäre eine Servicegebühr für Adressänderungen nicht die logische Konsequenz? Ein Obolus fürs Pflegen dessen, was ohnehin niemand sieht? Ich frag das mal ganz unschuldig in den Raum – und weiß die Antwort selbst am besten: Nein. Weil genau diese unbezahlte Liebe der Unterschied ist zwischen einem Makler und einem Portal, das eine IBAN in ein Formularfeld schreibt. Wer dafür eine Rechnung stellen wollte, hat den Beruf schon verlassen, auch wenn er noch am Schreibtisch sitzt.
Also bleibt's beim Pendel. Hoch, runter, Umzug dazwischen. Und wer nach fünfundzwanzig Jahren noch spürt, dass alle drei Bewegungen echt sind, der hat nicht die Berufskrankheit – der hat den Beruf verstanden.
Ich frag für einen Freund :)
Titelbild: © Gregor Haase
Im neunten Teil von Le Bonmot ging es übrigens um Phantomdiagnosen in der BU.