Remie Gerstenberger ist Diplom-Finanzwirt und seit über 19 Jahren in der Finanz- und Versicherungsbranche tätig. Nach einem dualen Studium im Steuerrecht und 13 Jahren bei der Debeka, zuletzt als Organisationsleiter, Spezialist für betriebliche Altersversorgung und Firmenkundenexperte, gründete er im Oktober 2023 gemeinsam mit Kollegen die Finanzstube GmbH in Weimar.
Als Versicherungsmakler, Honorarvermittler und zertifizierter Nachhaltigkeitsberater liegt sein Schwerpunkt auf privater und betrieblicher Gesundheits- und Rentenversorgung. Wir haben mit ihm über den ganzheitlichen Ansatz der Finanzstube gesprochen und darüber, wo Arbeitgeber bei der betrieblichen Absicherung noch viel Potenzial liegenlassen.
Maklerblog-Redaktion: Remie, die Finanzstube deckt Versicherungen, Finanzen und Immobilien ab. Was war die Idee hinter diesem Rundum-Ansatz, und wie seid ihr darauf gekommen?
Remie: Das ist unserer Geschichte und beruflichen Prägung geschuldet. Wir sind sechs Menschen, und fünf davon waren viele Jahre bei der Debeka. Dort haben wir gelernt, ganzheitlich zu beraten. Jeder hat dabei seine Spezialisierung mitgebracht: Willy die Immobilienfinanzierung, Andreas die Kapitalanlageimmobilien und Bestandsimmobilien für die nächste Generation, Sascha und Robert das Backoffice und die Sachversicherungen. Ich war lange Teamleiter und Spezialist für betriebliche Altersversorgung und genau das spiegelt sich in meinen Schwerpunkten wider: betriebliche und private Altersvorsorge, Arbeitskraftabsicherung, Krankenversicherung, Vermögensaufbau und Todesfallschutz.
Unser Ziel ist es, ein Finanzhaus zu sein, das Kunden von Anfang bis Ende begleitet. Das kann bedeuten, dass jemand mit bis zu fünf Beratern bei uns Kontakt hat. Ein konkretes Beispiel: Jemand überträgt sein Haus auf die Kinder. Andreas berät über die Möglichkeiten der Übertragung, Willy sucht eine passende Finanzierung, Sascha optimiert die Gebäudeversicherung, ich schaue nach einem passenden Schutz bei Todesfall und Arbeitsunfähigkeit. So funktioniert das Konzept.
Maklerblog-Redaktion: Betriebliche Benefits wie bAV oder betriebliche Krankenversicherung sind für viele Arbeitgeber noch Neuland. Warum lohnt es sich, dort anzufangen?
Remie: Die bAV würde ich für die meisten Arbeitgeber nicht als Neuland bezeichnen, die meisten haben sie bereits. Bei der betrieblichen Krankenversicherung ist das noch anders, aber auch dort gibt es in den letzten Jahren eine große Nachfragewelle. Budgettarife sind einfach verständlich und breit einsetzbar, weshalb die bKV zu den am stärksten wachsenden Versicherungssparten gehört.
Was ich hingegen wirklich als Neuland sehe, und das finde ich schade, sind die betriebliche Berufsunfähigkeitsabsicherung und Zeitwertkonten. Beides sind tolle Instrumente mit echtem Mehrwert: BU ohne Gesundheitsfragen, günstigere Beiträge, oder die Möglichkeit, Sabbaticals, Vorruhestand oder die Pflege von Angehörigen zu finanzieren.
Und dann gibt es noch einen weiteren Punkt, der mich regelmäßig beschäftigt: Viele Arbeitgeber haben seit Jahren ein BAV-System installiert, das niemand mehr wirklich angefasst hat, mit teils extrem schlechten Tarifen. Irgendwann merken dann Mitarbeitende und Arbeitgeber, dass nach 10 oder 15 Jahren Laufzeit weniger Geld im Vertrag ist als eingezahlt wurde. Genau über diesen Weg komme ich aktuell an fast alle meine neuen Firmenkunden.
Maklerblog-Redaktion: Nachhaltigkeit ist für dich kein Marketingbegriff, sondern Teil deiner Beratungsphilosophie. Was bedeutet das konkret für deine Kunden?
Remie: Zum einen, dass immer der Weg einer digitalen Beratung offensteht, um unnötige Fahrten zu vermeiden. Bei Vorsorge- und Anlageprodukten frage ich immer nach Nachhaltigkeitspräferenzen und kläre auf: Die Unterschiede zwischen Artikel 6, 8 und 9 der Taxonomieverordnung spielen eine wichtige Rolle, ebenso ESG-Kriterien und die Frage, ob jemand einen echten Impact erzielen möchte.
Ich verstehe aber auch jeden, der mir sagt: Für die Vorsorge möchte ich auf keine Branchen verzichten, möglichst breit streuen und die Kosten so gering wie möglich halten. Wichtig ist mir, dass man überhaupt darüber spricht. Und es passiert nicht selten, dass Menschen, die zunächst auf nichts achten wollten, sich am Ende doch eher in Artikel-8-Anlagen sehen.
Maklerblog-Redaktion: Du beschreibst deinen Ansatz mit „Absicherung, die wirklich zu dir passt.“ Was unterscheidet das von dem, was die meisten Menschen bisher als Versicherungsberatung kennen?
Remie: Im Erstgespräch möchten wir zunächst verstehen, was die Person eigentlich möchte, welche Ziele sie hat und welche Kenntnisse und Bedürfnisse vorliegen. Denn manchmal ist die beste Lösung gar keine Versicherung, sondern ein ETF-Depot oder eine Immobilienstrategie. Wir gehen also bewusst über den reinen Versicherungsvertrieb hinaus. Andreas und ich haben uns gleich im ersten Monat nach der Gründung auch als Honorarvermittler qualifiziert, um Finanzprodukte ohne Provisionen vermitteln zu können, so wie es für den jeweiligen Kunden am besten passt.
Das kostet Kraft und Zeit. Und es ist eine kleine Kunst, das alles verständlich zu erklären, ohne nur mit Fachbegriffen um sich zu werfen. Es bringt nichts, wenn ich mich über 0,2 Prozent niedrigere Kosten und eine höhere Ablaufleistung freue, der Kunde aber eigentlich an einer möglichst hohen laufenden Rente oder einer Kapitalanlageimmobilie interessiert ist.
Maklerblog-Redaktion: Was würdest du jemandem raten, der sich zum ersten Mal ernsthaft mit seiner privaten Absicherung beschäftigt und gar nicht weiß, wo er anfangen soll?
Remie: Zuerst: Sich wirklich Zeit nehmen und überlegen, was einem im Leben wirklich wichtig ist und wo die größten Risiken liegen. Dann selbst recherchieren und sich ruhig zwei- oder dreimal unabhängig beraten lassen. Keinen Vertreter aufsuchen, der nur für einen oder wenige Anbieter arbeitet.
Und dann einen eigenen Plan erstellen. Prioritäten setzen, zeitliche Abschnitte definieren und diesen Plan auch verfolgen. Der wichtigste Grundsatz dabei: Existenzschutz geht vor Vermögensaufbau. Die Absicherung der eigenen Arbeitskraft, der Gesundheit und des Einkommens ist das Fundament, alles andere kommt danach.
Remie Gerstenberger ist ab sofort Fachautor auf dem Maklerblog. Mehr zu ihm und seinen weiteren Beiträgen findest du auf seinem Autorenprofil.
Titelbild © Remie Gerstenberger