Odysseus brauchte zehn Jahre für den Heimweg. Ich genau eine Woche, um mir selbst zu beweisen, dass das Handy auch so lange ausbleiben kann.
Ich war in Griechenland, genauer: in Athen, mit dem festen Vorsatz, dort tatsächlich nur Grieche zu sein und nicht Makler. Firmenhandy aus. Laptop aus. Einkommen? Erstmal auch aus, aber das gehört zum Deal, wenn man selbstständig ist und trotzdem Urlaub will. Man bezahlt ihn zweimal: einmal mit Geld und einmal mit dem, was in der Abwesenheit weiterwächst wie Unkraut im Vorgarten. Man nennt das gern „Auszeit". Ich nenne es Risikoprüfung in eigener Sache.
Die Sirenen sangen so schön, dass Odysseus sich an den Mast binden ließ, um ihnen nicht hinterherzuspringen. Meine Sirenen saßen nicht auf Felsen, sie saßen im Postfach, und sie sangen nicht, sie stapelten sich. 5.200 Stück, als ich zurückkam. Und beim ersten Blick ins Postfach brannten mir tatsächlich die Augen. Immerhin hatte ich noch zwei davon. Polyphem hatte nach seiner Begegnung mit Odysseus bekanntlich keines mehr.
Nur: Ich hatte mich entschieden, nicht zu delegieren.
Natürlich meldete sich sofort der Chor der Vernünftigen. Lass doch jemanden deine Mails lesen. Nimm eine Assistenz. Lass KI vorsortieren. Nur: Ich hatte mich entschieden, nicht zu delegieren. Wer davon lebt, dass Menschen ihm vertrauen, kann schlecht behaupten, für sie da zu sein, und gleichzeitig die eigene Mailbox von jemandem vorlesen lassen, der nicht weiß, warum Herr Meier seit drei Monaten auf eine Nachbesserung seiner BU wartet. Manche Sachen muss man selbst tragen.
Also: zehn Tage Abarbeiten für eine Woche Freiheit. Zehn Tage Blindschreiben, bis die Finger wehtun und der Kaffee kalt wird, bevor man ihn trinkt. Zehn Tage, die sich anfühlen wie Odysseus' letzte Etappe. Man sieht Ithaka schon am Horizont, aber dazwischen liegt noch eine komplette Staffel Stornohaftung, dreißig „Habe ich Ihnen doch schon geschickt"-Anhänge und mindestens ein Kunde, der in der Abwesenheitsnotiz das Wort „dringend" gelb markiert hat.
Und als wäre das nicht genug, erwischt mich mitten im Freiarbeiten zu Hause noch eine Erkältung. Offenbar akzeptiert Poseidon Heimkehr bis heute nur unter Vorbehalt.
Man muss einfach durch. Wie durch eine Waschstraße. Es ruckelt, es wird laut, zwischendurch sieht man gar nichts mehr. Irgendwann öffnet sich das Tor wieder.
Und dann, mitten im Abarbeiten, trifft einen die Nostalgie. Zu Recht, denn das Wort kommt aus genau dieser Ecke: nóstos, die Heimkehr, und álgos, der Schmerz. Die Griechen haben also schon vor dreitausend Jahren gewusst, dass Nachhausekommen wehtut. Man hat es nur nie in einen Betreffzeilen-Kontext gepackt. Heimkehrschmerz, ganz genau genommen, ist nichts anderes als der Moment, in dem man merkt: Ithaka wartet nicht mit Freudentränen, sondern mit einem vollen Posteingang.
Die eigentlich interessante Frage an der ganzen Sache: Habe ich mich erholt, wenn ich jetzt, nach dem Urlaub, schon wieder Urlaub bräuchte? Oder ist das die wahre Definition von Selbstständigkeit? Man schafft die Erschöpfung nie ab. Man verschiebt sie nur um ein paar Wochen, verpackt in Homer statt in Diagnosecodes.
Bei uns beginnt sie dort erst wieder.
Vielleicht ist das der Unterschied zwischen Homer und Selbstständigkeit: Bei Odysseus endet die Reise mit der Heimkehr. Bei uns beginnt sie dort erst wieder.
Titelbild: © Gregor Haase
Im zehnten Teil von Le Bonmot ging es übrigens um die unbezahlte Servicearbeit im Makleralltag.