Es war ein Donnerstag im Jahr 2008. Meine damalige Band hatte sich gerade aufgelöst. Und wer je eine Band hatte, weiß, dass das kein logistisches Ereignis ist, das ist ein Trauerfall. Ich war an diesem Donnerstag in der Arbeit nicht zu gebrauchen, mein Arbeitgeber schickte mich nach Hause, und am Freitag wollte ich mich selbst auch nicht sehen.
Also bin ich zum Hausarzt gegangen. Nicht wegen einer Krankheit. Wegen eines beschissenen Donnerstags. Jahre später habe ich erfahren, dass dieser Besuch einen blinden Passagier produziert hatte: einen Code in einer Akte, den ich nicht kannte, den ich nicht bestellt hatte, und den ich trotzdem mit mir trug.
Und weil Zeit der Feind ist und der Arzt sich beim Korrigieren quasi selbst anschwärzen muss (er hat schließlich etwas abgerechnet, das so de facto nicht stattgefunden hat) haben wir damit nicht den Bock zum Gärtner gemacht. Wir haben den Arzt zum Scharfrichter seiner eigenen Geschichte gemacht.
Doch die Akte weiß alles.
Wie kommt aus einer Mücke ein Elefant? Durch Cashflow-Logik.
Ein Hausarzt hat heute sieben Minuten pro Patient. Die Praxissoftware verlangt zwingend einen ICD-Code. Und ohne Diagnose keine Abrechnung, kein Interpretationsspielraum. Also wählt er aus dem Dropdown, was am ehesten passt. Das ist keine Böswilligkeit, das ist stille Post mit eingebautem Rauschen: Ich flüstere „Ich brauch am Freitag mal frei“ in sein Ohr, und am Ende steht auf dem Papier eine depressive Episode. Nicht weil jemand lügt. Weil das System keine Zwischentöne kennt.
Es ist wie eine Restaurantbewertungs-App, die dir nur zwei Optionen lässt: Lebensmittelvergiftung oder Drei-Sterne-Erlebnis. Du willst schreiben, der Kaffee war heute ein bisschen kalt. Du drückst den Knopf, der am ehesten passt. Das System speichert das als absolutes Extrem.
Dazu kommt der Morbi-RSA: ein zentraler Fonds, aus dem Krankenkassen Geld bekommen.
Je kranker die Versicherten einer Kasse auf dem Papier aussehen, desto mehr fließt. Upcoding nennt man das. Der Arzt arbeitet in einem System, in dem Krankheit abrechenbarer ist als Gesundheit. Der ICD-Code war ursprünglich Verwaltungssprache; gebaut für globale Sterbestatistiken, nicht für Lebensläufe. Aber er entscheidet heute über Versicherbarkeit.
Und dann schleppt sich dieser Code weiter. Quartal für Quartal. Du gehst drei Jahre später wegen eines verstauchten Knöchels zum Arzt, im Hintergrund wird wieder die angebliche Depression mitabgerechnet. Copy-Paste-Diagnose. Du weißt davon nichts. Und schon hast du deine Phantomdiagnose. Die Akte weiß alles.
Das ist wie ein peinlicher Social-Media-Post von 2011, der 2026 ausgedruckt im Personalespräch auf dem Schreibtisch liegt. Beim HR wäre das illegal. Bei Diagnosen ist es gang und gäbe.
Auf der anderen Seite: der Underwriter.
Zwölf Minuten pro Antrag, Verträge mit sechsstelligem Volumen, Rückversicherer im Nacken. Er sieht keinen Menschen, er sieht Codes. F32.9 ist für ihn kein Erlebnisbericht, es ist ein Risikoindikator. Und bei psychischen Diagnosen besonders brutal: Es gibt keinen Blutwert für Erschöpfung. Keine Bildgebung, keinen messbaren Marker. Er sieht den Code, nicht den Kontext.
Eine Rückfrage des Versicherers ist dabei kein Ablehnungssignal, sie ist die Einladung, Kontext zu liefern. Und da kommt rein, was ich für die eigentliche Kernkompetenz unseres Berufs halte: Übersetzungsarbeit.
Wer, wie, was. In der Sesamstraße kam danach „wieso, weshalb, warum“. Bei der BU kommt danach „Risikozuschlag“.
Nicht F32.9 einreichen und hoffen. Sondern: kurze Erschöpfungsphase nach persönlichem Einschnitt – einmalig. Zwei Tage keine Therapie, keine Medikation, kein Folgebefund. Der Underwriter hat zwölf Minuten. Wenn wir ihm diese zwölf Minuten erleichtern, bekommt unser Kunde den Vertrag. Wenn nicht, bekommt er die Ablehnung und wir die Haftung.
Wobei: Ich mache nicht bei jedem Kunden reflexartig eine Risikovoranfrage bei diversen Gesellschaften, nur um einen möglichen HIS-Eintrag zu vermeiden. Das wäre Aktionismus statt Beratung. Es geht um Urteilsvermögen. Wer das nicht aufbringt, berät nicht. Der unterschreibt.
Und jetzt das eigentliche Paradox:
Viele Menschen meiden heute Psychotherapie. Nicht weil sie keine brauchen, sondern weil sie Angst vor genau diesen Codes in genau diesen Akten haben. Sie schlucken alles runter. Alleine. Unbehandelt. Aus Angst, dass der blinde Passagier später ihren BU-Antrag ruiniert. Dadurch wird’s schlimmer.
Nassim Taleb beschreibt in »Antifrabilität« das Prinzip, dass bestimmte Systeme durch Stress nicht schwächer werden, sondern stärker. Menschen, die Krisen bewusst durchlebt haben, entwickeln robustere Mechanismen als jene, die jede Erschütterung verdrängen.
Wer an sich gearbeitet hat, ist das bessere Risiko.
Unser System bestraft genau diese Menschen. Vielleicht wäre es irgendwann mal interessant zu diskutieren, warum ein erfolgreich vermiedener Zusammenbruch im Underwriting oft besser aussieht als eine sauber aufgearbeitete Krise. Kafka auf Kassenrezept.
Übrigens: Zu genau diesem Thema haben wir auf dem Maklerblog den ersten BEEF veröffentlicht, ein Themen-Special zu Phantomdiagnosen. Hier liest du mehr.
Titelbild: © Gregor Haase
Im achten Teil von Le Bonmot ging es übrigens um das Thema Provisionsverbot.