„Dann lasse ich mir meine Vorsorgevollmacht einfach von ChatGPT schreiben.“ Diesen Gedanken kann ich sogar verstehen. Künstliche Intelligenz kann heute erstaunlich viel. Also habe ich ChatGPT selbst gefragt, was es einem Menschen tatsächlich liefern kann, wenn dieser eine Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung erstellen möchte.
Und ich wollte eine klare Antwort: Kannst du ein Dokument erstellen, das rechtlich sicher und lückenlos ist, überall anerkannt wird und bei einer Patientenverfügung medizinisch umfassend genug ist, um im Ernstfall wirklich zu funktionieren?
Die Antwort war erstaunlich eindeutig. ChatGPT kann gesetzliche Grundlagen berücksichtigen, umfangreiche Entwürfe erstellen, Formulierungen vorschlagen und typische Regelungsbereiche aufnehmen. Was es selbst nicht garantieren kann: dass eine Vorsorgevollmacht im individuellen Fall rechtlich lückenlos ist, in jeder Situation problemlos anerkannt wird und eine Patientenverfügung medizinisch alle später eintretenden Situationen eindeutig abdeckt.
Das fand ich bemerkenswert. Aber beim weiteren Nachdenken ist mir aufgefallen: Das ist vielleicht noch gar nicht das größte Problem.
Was passiert mit der Frage, die niemand stellt?
Stell dir vor, dein Kunde schreibt bei ChatGPT: „Erstelle mir eine Vorsorgevollmacht. Meine beiden Kinder sollen mich vertreten.“ Die KI kann daraus einen guten Text erstellen. Sie kann sogar Rückfragen stellen. Aber vielleicht beginnt das eigentlich wichtige Gespräch erst jetzt.
Sollen beide immer gemeinsam entscheiden müssen? Oder darf jeder allein handeln? Was passiert, wenn einer nicht erreichbar ist? Und vor allem: Was passiert, wenn sich beide nicht einig sind?
Plötzlich geht es nicht mehr darum, zwei Namen in einen juristisch gut klingenden Text einzusetzen. Es geht um die Familie hinter diesen Namen.
Natürlich kann auch eine KI einen umfangreichen Fragenkatalog abarbeiten. Aber auch dieser Fragenkatalog muss vorher wissen, wonach gefragt werden soll. Und genau dort liegt für mich der entscheidende Punkt: Vorsorge besteht nicht nur daraus, richtige Antworten zu bekommen. Man muss zuerst die richtigen Fragen stellen.
Bei der Patientenverfügung wird es noch deutlicher
„Wenn es keinen Sinn mehr hat, möchte ich nicht an Maschinen hängen.“ Solche Aussagen höre ich immer wieder. Eine KI kann daraus innerhalb weniger Sekunden einen wesentlich ausführlicheren und medizinisch professioneller klingenden Text erstellen.
Aber was bedeutet „keinen Sinn mehr“? Was bedeutet „Maschinen“? Beatmung? Wiederbelebung? Künstliche Ernährung? Dialyse? Und soll das immer gelten oder nur in ganz bestimmten Situationen? Jetzt reicht es nicht mehr, einen Satz besser zu formulieren.
Jetzt muss geklärt werden, was dieser Mensch eigentlich meint und was ihm wichtig ist.
Und manchmal entsteht die entscheidende Frage erst aus der Antwort auf die vorherige. Deshalb ist das größte Risiko bei einer KI-Vorsorge vielleicht gar nicht die falsche Antwort. Es ist die Frage, die niemand gestellt hat.
Aber worüber reden wir hier eigentlich?
Vielleicht müssen wir an dieser Stelle einmal kurz weg von KI, Dokumenten und Paragrafen. Denn worum geht es eigentlich? Es geht um ein Leben. Es geht um Werte. Um Würde. Um die persönlichsten Wünsche eines Menschen. Und es geht um seine Familie.
Wir reden hier nicht über ein Kleidungsstück, das du im Internet bestellst und hinterher feststellst: Sieht doch nicht so gut aus wie auf dem Foto. Ärgerlich. Dann schickst du es zurück. Wir reden auch nicht über ein Auto, das du kaufst und später feststellst: Das war doch nicht das richtige Modell. Auch ärgerlich. Vielleicht sogar teuer. Aber meistens korrigierbar.
Bei der Vorsorge reden wir über Situationen, in denen ein Mensch möglicherweise nichts mehr korrigieren kann. Weil er nach einem Unfall bewusstlos auf der Intensivstation liegt. Weil er schwer erkrankt ist. Weil eine Demenz ihm die Möglichkeit nimmt, seine Angelegenheiten selbst zu regeln. Oder weil er nicht mehr lebt.
Dann muss das funktionieren, was vorher geregelt wurde. Dann geht es darum, ob ein anderer Mensch für dich handeln kann. Ob er weiß, was du gewollt hättest. Und ob deine Familie überhaupt die Möglichkeit hat, das Notwendige zu tun.
Deine Familie muss damit leben
Sie muss vielleicht Entscheidungen treffen, während sie gleichzeitig Angst um einen Menschen hat, den sie liebt. Was hätte er gewollt? Darf ich das überhaupt entscheiden? Kann ich auf das Konto zugreifen? Wie bezahle ich die laufenden Kosten? Was passiert mit der Immobilie oder dem Unternehmen? Wo finde ich überhaupt die notwendigen Unterlagen?
Fehlende Vorsorge bedeutet deshalb nicht nur fehlende Selbstbestimmung. Sie kann bedeuten, dass die eigene Familie genau in dem Moment zusätzlich belastet wird, in dem sie ohnehin schon genug zu tragen hat.
Darum ist „wird schon passen“ bei diesem Thema für mich kein ausreichender Maßstab.
Was hat das mit dir als Makler zu tun?
Du musst deshalb nicht zum Experten für Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen werden. Du sollst keine Vollmachten formulieren, keine Patientenverfügungen bewerten und auch keine KI-generierten Dokumente kontrollieren.
Aber du kennst deinen Kunden. Du weißt vielleicht, dass er eine Immobilie finanziert hat. Dass er selbstständig ist. Dass Kinder aus unterschiedlichen Beziehungen da sind. Oder dass er überzeugt sagt: „Alles geregelt. Ich habe eine Vollmacht.“ Dann kann eine einzige Frage wertvoll sein: „Hast du einmal prüfen lassen, ob das, was du geregelt hast, auch wirklich zu deiner persönlichen Situation passt?“
Und wenn dabei eine Lücke sichtbar wird, musst du sie nicht selbst lösen. Dafür gibt es spezialisierte Begleitung. Gleichzeitig entstehen daraus häufig Fragen, die sehr wohl in deinen Beratungsalltag gehören: Welche finanziellen Verpflichtungen laufen im Ernstfall weiter? Welche Versicherungsleistungen werden ausgelöst? Wie lange reicht das Einkommen? Weiß die Familie überhaupt, was vorhanden ist?
So wird Vorsorge nicht zu einer zusätzlichen Beratungsaufgabe. Sie kann vielmehr der Einstieg in Gespräche sein, die du mit deinem Kunden ohnehin führen solltest.
ChatGPT ist ein Werkzeug. Vorsorge ist ein Prozess.
Ich nutze künstliche Intelligenz selbst und halte wenig davon, sie schlechter zu machen, als sie ist. Sie kann Wissen erklären, Fragen beantworten und beeindruckende Texte erstellen. Aber bei Vorsorge entscheidet am Ende nicht, wie professionell ein Dokument aussieht.
Entscheidend ist: Funktioniert es für genau diesen Menschen und seine Familie, wenn morgen wirklich etwas passiert? Denn dann kann der Betroffene möglicherweise nicht mehr erklären, was er eigentlich wollte. Dann lässt sich die vergessene Frage nicht mehr einfach nachholen. Deshalb beginnt gute Vorsorge für mich nicht mit einem Dokument. Sie beginnt mit den richtigen Fragen.
Zum vorherigen Beitrag dieser Reihe: „Seit 14 Jahren begleite ich Familien und sehe immer wieder dieselben Fehler.“
Titelbild: © Steffen Moser